In wissenschaftlichen, theologischen und gesellschaftlichen Diskussionen wird häufig angenommen, dass eine gut begründete Aussage automatisch wahr sei. Aus methodologischer Sicht handelt es sich jedoch um zwei unterschiedliche Begriffe. Wahrheit bezieht sich auf die Beziehung zwischen einer Aussage und der Wirklichkeit, während Begründung sich auf die Beziehung zwischen einer Aussage und den verfügbaren Belegen bezieht. Die Vermischung dieser Ebenen führt zu zahlreichen Interpretationsfehlern und zu einer übermäßigen Sicherheit hinsichtlich gezogener Schlussfolgerungen.
Die klassische Wahrheitsdefinition, die auf Aristoteles zurückgeht, besagt, dass eine Aussage wahr ist, wenn sie mit dem tatsächlichen Sachverhalt übereinstimmt. Wahrheit hängt weder von der Zahl der Anhänger einer bestimmten Position noch von der Stärke der Überzeugung eines Forschers oder von der Dauer ab, über die eine bestimmte Interpretation vertreten wurde.
Über die Wahrheit entscheidet nicht Autorität, sondern die Wirklichkeit.
In der Forschungspraxis ergibt sich jedoch eine Schwierigkeit: Die Wirklichkeit, die Gegenstand der Analyse ist, ist oft nicht unmittelbar beobachtbar.
Besonders deutlich wird dies in historischen und textbezogenen Untersuchungen. Der Forscher beobachtet weder die in den Quellen beschriebenen Ereignisse noch die Prozesse, die zur Entstehung eines Textes geführt haben. Ihm stehen lediglich Spuren zur Verfügung, die in Form von Dokumenten, Handschriften, sprachlichen Daten, historischen Zeugnissen oder Rezeptionsmaterialien erhalten geblieben sind. Das bedeutet, dass Erkenntnis einen indirekten Charakter hat. Gegenstand der Analyse wird eine auf Grundlage verfügbarer Daten rekonstruierte Wirklichkeit und nicht die unmittelbar beobachtete Wirklichkeit selbst.
In einer solchen Situation kann der Grad der Begründung einer Aussage bewertet werden, nicht jedoch ihre unmittelbare Verifikation. Der Forscher kann die Qualität der Daten analysieren, konkurrierende Hypothesen vergleichen und die Stärke von Argumenten bewerten. Er kann jedoch nicht automatisch von der Aussage „Ich verfüge über Belege“ zu der Aussage „Ich kenne die Wahrheit“ übergehen. Zwischen Wahrheit und Begründung besteht eine erkenntnistheoretische Lücke, die sich nicht vollständig schließen lässt.
Dieses Phänomen wird durch die Problematik der Übersetzung biblischer Texte gut veranschaulicht. Eine Übersetzung stellt keinen direkten Zugang zum ursprünglichen Kommunikationsakt dar, sondern eine Rekonstruktion auf Grundlage verfügbarer sprachlicher, textlicher und historischer Daten. Diese Rekonstruktion kann sehr präzise, sorgfältig und methodologisch gut begründet sein, bleibt jedoch eine Rekonstruktion. Der Übersetzer reproduziert nicht die kommunikative Wirklichkeit des Autors selbst, sondern erstellt auf Grundlage der überlieferten Zeugnisse ein möglichst glaubwürdiges Modell davon. Jede Übersetzung ist daher ein Versuch, sich der Bedeutung des Textes anzunähern, und keine unmittelbare sowie vollständig interpretationsfreie Wiedergabe.
Dies bedeutet, dass eine Aussage gut begründet sein kann und sich dennoch als falsch erweist. Die Wissenschaftsgeschichte liefert zahlreiche Beispiele für Theorien, die lange Zeit als die bestbegründete Erklärung der verfügbaren Daten galten, später jedoch korrigiert oder verworfen wurden. Dies bedeutet nicht das Scheitern der Wissenschaft, sondern verdeutlicht die Grenzen menschlicher Erkenntnis. Begründung bezieht sich stets auf die aktuell verfügbaren Belege und nicht auf vollständiges Wissen über die Wirklichkeit.
Auch die umgekehrte Situation ist möglich. Eine Aussage kann mit der Wirklichkeit übereinstimmen und dennoch nur schwach begründet sein, weil nicht genügend Daten vorliegen. In der historischen Forschung erhielten manche Hypothesen erst durch die Entdeckung neuer Quellen, Handschriften oder Artefakte starke Unterstützung. Ihre spätere Bestätigung bedeutet jedoch nicht, dass sie zuvor bereits gut begründet waren. Wahrheit und Begründung sind daher keine gleichwertigen Begriffe.
|
| Christus vor Pilatus, Mihály Munkácsy | Wikimedia Commons |
Einer der häufigsten Denkfehler besteht darin, Überzeugung mit Begründung gleichzusetzen. Überzeugung ist ein psychologischer Zustand des Forschers oder eines Diskussionsteilnehmers. Sie kann aus persönlichen Erfahrungen, Traditionen, Autoritäten oder einer bestimmten Weltanschauung hervorgehen. Überzeugung allein stellt jedoch keinen Beleg dar. Ebenso erhöht ein hohes Maß an subjektiver Gewissheit nicht automatisch den erkenntnistheoretischen Wert einer Aussage. Die Methodologie interessiert sich in erster Linie für die Qualität der Begründung und nicht für die Stärke des bekundeten Glaubens an eine bestimmte Auffassung.
Evidence-based-Ansätze ersetzen Wahrheit nicht durch die Kategorie der Begründung. Ihr Ziel besteht nicht darin, Wahrheit neu zu definieren, sondern die Qualität des Prozesses zu verbessern, durch den Schlussfolgerungen gezogen werden. Wahrheit bleibt das Ziel der Erkenntnis, während Belege ein Instrument darstellen, um zu beurteilen, ob eine bestimmte Interpretation besser begründet ist als die verfügbaren Alternativen. Wie es in der Bibel heißt: „Prüft alles, das Gute behaltet“ (1 Thessalonicher 5,21). Aus methodologischer Sicht ist dies eine Aufforderung zur kritischen Prüfung von Aussagen und nicht zu deren automatischer Übernahme. Je höher die Qualität der Daten, je größer die Transparenz des Forschungsprozesses und je strenger die Analyse konkurrierender Hypothesen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die akzeptierte Schlussfolgerung der Wirklichkeit entspricht.
Es ist hervorzuheben, dass die Evidence-based-Methodologie keine eigene Definition von Wahrheit entwickelt. Sie ersetzt Wahrheit auch nicht durch ein Forschungsverfahren. Ihre Aufgabe besteht darin, die Qualität der Begründung durch die systematische Sammlung von Daten, die Bewertung ihrer Glaubwürdigkeit und die Kontrolle des Interpretationsprozesses zu erhöhen. Wahrheit bleibt das regulative Ziel des gesamten Erkenntnisprozesses. Begründung ist daher keine Alternative zur Wahrheit, sondern die verlässlichste Möglichkeit, sich ihr unter Bedingungen begrenzten Wissens anzunähern.
Aus methodologischer Sicht besteht wissenschaftliche Reife nicht darin, Gewissheit zu deklarieren, sondern Unsicherheit bewusst zu managen. Der Forscher sollte nicht nur fragen, ob er recht hat. Er sollte vor allem fragen, in welchem Maße seine Position durch die verfügbaren Daten gerechtfertigt ist und welche Umstände ihn dazu veranlassen könnten, seine Schlussfolgerungen zu revidieren. Deshalb besitzt im Evidence-based-Ansatz gut dokumentierte Unsicherheit einen höheren Wert als unbegründete Gewissheit.
Wahrheit bleibt der Bezugspunkt des gesamten Forschungsprozesses. Begründung bleibt das Maß für die Qualität des Weges zu diesem Ziel. Je besser die Daten, je transparenter die Argumentation und je kritischer die Analyse konkurrierender Hypothesen, desto größer ist die Chance, dass die akzeptierte Schlussfolgerung tatsächlich dem untersuchten Sachverhalt entspricht.
0 Kommentare