The Kingdom of God is "among you." Where?

Die in Lukas 17,20–21 überlieferten Worte Jesu gehören zu den bekanntesten und zugleich am stärksten interpretationsbelasteten Aussagen über das Reich Gottes. Die traditionelle Wiedergabe „das Reich Gottes ist inwendig in euch“ hat über Jahrhunderte hinweg die Lektüre dieser Stelle als Aussage über einen inneren religiösen Zustand geprägt, der durch Introspektion oder geistliche Erfahrung zugänglich sei. Aus der Perspektive der Evidence-Based Biblical Studies handelt es sich hierbei jedoch um ein Beispiel für eine Interpretation, die deutlich über die textlichen Daten hinausgeht und den Sinn der Aussage in Richtung einer Psychologisierung verschiebt, die weder sprachlich noch kontextuell gerechtfertigt ist.

Im EBBS-Ansatz muss der Ausgangspunkt strikt textlich sein. Bevor gefragt wird, was der Text „bedeutet“, ist festzustellen, welche Daten tatsächlich vorliegen, an wen die Aussage gerichtet ist und welche semantischen Grenzen der Wortlaut selbst setzt.

Erst auf dieser Grundlage lassen sich interpretative Hypothesen und weitere theologische Schlussfolgerungen formulieren. Jede Deutung, die diese Daten ignoriert oder ihnen vorgelagerte Annahmen unterordnet, ist als dem Text sekundär zu betrachten.

Der griechische Wortlaut von Lukas 17,20–21 lautet: ἐπερωτηθεὶς (eperōtētheís, G1905) δὲ (de, G1161) ὑπὸ (hypó, G5259) τῶν (tōn, G3588) Φαρισαίων (Pharisaíōn, G5330) πότε (póte, G4219) ἔρχεται (érchetai, G2064) ἡ (hē, G3588) βασιλεία (basileía, G932) τοῦ (tou, G3588) θεοῦ (theoû, G2316), ἀπεκρίθη (apekríthē, G611) αὐτοῖς (autoîs, G846) καὶ (kaí, G2532) εἶπεν (eîpen, G2036)· οὐκ (ouk, G3756) ἔρχεται (érchetai, G2064) ἡ (hē, G3588) βασιλεία (basileía, G932) τοῦ (tou, G3588) θεοῦ (theoû, G2316) μετὰ (metá, G3326) παρατηρήσεως (paratērḗseōs, G3907), οὐδὲ (oudé, G3761) ἐροῦσιν (eroûsin, G2046)· ἰδοὺ (idoú, G2400) ὧδε (hōde, G5602) ἢ (ḗ, G2228) ἐκεῖ (ekeî, G1563)· ἰδοὺ (idoú, G2400) γὰρ (gár, G1063) ἡ (hē, G3588) βασιλεία (basileía, G932) τοῦ (tou, G3588) θεοῦ (theoû, G2316) ἐντὸς (entós, G1787) ὑμῶν (hymō̂n, G5216) ἐστιν (estín, G2076).

Aus EBBS-Perspektive ist von zentraler Bedeutung, dass Jesu Aussage polemischen Charakter hat und eine Antwort auf eine Frage der Pharisäer darstellt. Diese Frage, ausgedrückt durch das Partikel πότε (G4219) und das Verb ἔρχεται (G2064), betrifft den Zeitpunkt des Kommens des Reiches Gottes und setzt voraus, dass es sich um ein beobachtbares und lokalisierbares Ereignis handelt. Jesu Antwort negiert diese Voraussetzung konsequent. Das Reich Gottes kommt nicht μετὰ παρατηρήσεως (G3907), also nicht in einer Weise, die der Beobachtung unterliegt, und es kann nicht als ὧδε (G5602) oder ἐκεῖ (G1563) bezeichnet werden. Entscheidend ist hier die Verwendung des Verbs ἐστιν (G2076) im Präsens, das als Daten von hoher Zuverlässigkeit gilt und eindeutig auf einen gegenwärtigen, nicht zukünftigen Sachverhalt verweist.

Peter Paul Rubens, Gemeinfrei | wikimedia.org

Die größte interpretative Spannung konzentriert sich auf den Ausdruck ἐντὸς ὑμῶν (G1787 + G5216). Das Adverb ἐντός bedeutet im Koine-Griechisch „innerhalb“, „im Bereich von“, „innerhalb der Grenzen von“ und ist kein psychologischer Begriff und keine technische Bezeichnung geistlicher Innerlichkeit. Es verweist auf einen Bereich oder eine Lokalisierung, nicht auf subjektive Erfahrung. Das Pronomen ὑμῶν bezeichnet wiederum die Adressaten der Aussage als Kollektiv. Die sprachlichen Daten erlauben daher, diese Wendung als „in eurer Mitte“ oder „unter euch“ zu verstehen, ohne die Kategorie der Introspektion einzuführen.

Entscheidendes Gewicht trägt hier der Kontext der Aussage. Jesus richtet seine Worte an die Pharisäer, was Daten von sehr hoher interpretativer Bedeutung darstellt. Die Behauptung, Jesus verkünde den Pharisäern das Reich Gottes als ihren inneren geistlichen Zustand, würde eine Reihe zusätzlicher theologischer Annahmen erfordern, die der Text nicht liefert. Eine interiorisierende Deutung überschreitet nicht nur die sprachlichen Daten, sondern neutralisiert auch den polemischen Charakter des Dialogs und löst die Spannung auf, die die gesamte Szene prägt.

Das Substantiv βασιλεία (G932) bezeichnet in Jesu Rede keinen Ort und keinen psychologischen Zustand, sondern eine Herrschaftsordnung und einen Wirkungsbereich von Autorität. In diesem Licht spricht Jesus nicht vom Reich als subjektiver religiöser Erfahrung, sondern von der Realität des göttlichen Handelns, die sich nicht in die Kategorien eines beobachtbaren Ereignisses oder eines eschatologischen Spektakels einpassen lässt. Das Reich Gottes ist gegenwärtig, weil es im Beziehungsraum zwischen Jesus und seinen Hörern wirksam ist – unabhängig davon, ob sie es erkennen. Siehe, der König dieses Reiches steht vor ihnen.

Lukas 17,20–21 sagt daher nicht, dass das Reich Gottes im Inneren des Menschen verborgen sei oder dass der Zugang zu ihm durch subjektive geistliche Erfahrung erfolge. Der Text beschreibt die gegenwärtige Realität der Herrschaft Gottes, die bereits da ist, jedoch nicht in einer Weise, die den Erwartungen der Gesprächspartner entspricht. Jesus formuliert keine Bedingung und schließt keinen Vertrag, sondern stellt einen Sachverhalt fest. Das Reich Gottes ist schon gegenwärtig – nicht als inneres Erlebnis, sondern als wirksame Realität unter Menschen.

Kommentar veröffentlichen

0 Kommentare