Der hermeneutische Zirkel in der Analyse textlicher Daten bezeichnet eine Situation, in der die Rekonstruktion des Interpretationskontextes auf einer zuvor angenommenen semantischen Hypothese beruht und anschließend zur Bestätigung eben dieser Hypothese herangezogen wird. In einer solchen Konstellation hört der Kontext auf, als unterstützender explanatorischer Rahmen zu fungieren, und wird stattdessen zu einem Beweismittel, was zu einer methodischen Schließung der Interpretation ohne unabhängige Überprüfung der Daten führt.
Im Ansatz der Evidence-Based Biblical Studies wird dieses Phänomen nicht als unvermeidbare Bedingung des Verstehens betrachtet, sondern als methodologischer Fehler verstanden, der in einer Verletzung der Unabhängigkeit epistemischer Ebenen besteht. Textliche Daten, Kontextrekonstruktionen und interpretative Schlussfolgerungen besitzen jeweils einen eigenen epistemischen Status und dürfen nicht innerhalb eines geschlossenen Argumentationskreislaufs wechselseitig legitimiert werden.
EBBS geht davon aus, dass der Kontext den Status einer Arbeitshypothese mit einem definierten Grad an Unsicherheit besitzt und nicht zur Bestätigung von Interpretationen verwendet werden darf, aus denen er selbst abgeleitet wurde. Die Kontrolle des hermeneutischen Zirkels besteht in der expliziten Kennzeichnung des epistemischen Status des Kontextes, der Aussetzung interpretativer Schließung sowie in der Beschränkung der Schlussfolgerungen auf das, was durch die textlichen Daten tatsächlich gerechtfertigt ist. In diesem Sinne beseitigt EBBS den hermeneutischen Zirkel nicht, sondern unterzieht ihn einer strengen methodologischen Kontrolle.
|
| Vincent van Gogh, Stillleben mit Bibel, Gemeinfrei | Wiki |
0 Kommentare