Harmonisierung in der Übersetzung ist nicht lediglich eine stilistische Tendenz oder eine Vorliebe für sprachliche Glätte; sie ist eine methodische Entscheidung mit weitreichenden epistemischen Konsequenzen.
Harmonisierung in der Übersetzung liegt vor, wenn eine textliche Spannung zu früh aufgelöst wird. Anstatt die im Ausgangstext vorhandene Mehrdeutigkeit oder den Konflikt zu dokumentieren, wählt die Übersetzung eine Interpretation und präsentiert sie, als sei sie die einzig mögliche Lesart. Dies ist keine neutrale Wahl, sondern eine Entscheidung in einer Phase, in der die Methode Zurückhaltung und nicht Auflösung verlangt.
Aus evidenzbasierter Perspektive ist textliche Spannung ein Datum. Unterschiede in Wortlaut, Perspektive oder Logik gehören zur Beweislage und sollten in der Übersetzung sichtbar bleiben, solange die Daten selbst nicht eindeutig sind. Harmonisierung beseitigt diese Sichtbarkeit. Sie vereinfacht den Text, indem sie eine interpretative Lösung hinzufügt, die von den Daten nicht gefordert wird.
Dies führt zu einem vorzeitigen interpretativen Abschluss. Die Übersetzung spiegelt nicht mehr die Struktur des Ausgangstextes wider, sondern ersetzt sie durch eine vom Übersetzer erzeugte kohärente Darstellung. Die Unsicherheit verschwindet nicht, weil sie gelöst wurde, sondern weil sie redaktionell entfernt wurde.
Im EBBS gilt daher die einfachste angemessene Regel:
Füge keine interpretative Gewissheit hinzu, wo die Evidenz sie nicht verlangt!
Ist der Ausgangstext mehrdeutig, sollte auch die Übersetzung mehrdeutig bleiben. Enthält der Text eine Spannung, sollte die Übersetzung diese Spannung bewahren. Jede weitergehende Auflösung gehört in die Interpretation, nicht in die Übersetzung.
Harmonisierung ist daher als Entscheidungsfehler zu verstehen: Sie führt eine unnötige Annahme ein – die Annahme von Kohärenz –, obwohl die Daten selbst diese nicht rechtfertigen.
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| Lisa Bourgeault | pexels.com |
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