Erasmus von Rotterdam (1466-1536)

Wenn wir heute zum griechischen Neuen Testament greifen, vergessen wir leicht, dass seine gedruckte Gestalt eine Geschichte hat – und dass einer ihrer Wendepunkte die Ausgabe von 1516 war, die von Erasmus von Rotterdam vorbereitet wurde. Sein Novum Instrumentum Omne wird bisweilen als „ursprünglicher Text“ oder als „normative Quelle“ betrachtet. Aus methodologischer Sicht war es jedoch etwas anderes: ein redaktionelles Produkt, kein Zeugnis der frühesten Überlieferung.

Erasmus entdeckte kein neues Manuskript und legte keinen vergessenen Archetyp frei. Er arbeitete mit den ihm zugänglichen, relativ späten byzantinischen Handschriften. Er verglich sie, wählte Varianten aus und rekonstruierte mitunter fehlende Passagen. Sein Werk war somit das Ergebnis von Entscheidungen – bewussten, philologischen Entscheidungen, aber dennoch Entscheidungen eines Herausgebers des 16. Jahrhunderts. Nicht das Manuskript spricht in diesem Buch unmittelbar. Es ist Erasmus, der durch es spricht.

Erasmus von Rotterdam
Erasmus von Rotterdam | Wikimedia Commons

Und doch ist die Bedeutung dieses Projekts kaum zu überschätzen. Nicht weil es einen „endgültigen Text“ geliefert hätte. Nicht weil es Variantenstreitigkeiten entschieden hätte. Sondern weil es eine bestimmte intellektuelle Geste verkörperte: die Rückkehr zu den Quellen.

In einer Zeit, in der die Vulgata als nahezu unanfechtbare Norm galt, wagte Erasmus zu sagen: Man muss zum Griechischen zurückkehren – ad fontes („zu den Quellen“).

Seine Ausgabe wurde zu einer Brücke. Einerseits war sie in der handschriftlichen Tradition verwurzelt, andererseits kündigte sie die moderne Textkritik an. Sie ist kein Beweis im Sinne eines ursprünglichen Zeugnisses. Sie ist ein Moment in der Geschichte der Suche nach den Quellen. Sie bezeugt, dass der biblische Text untersucht, verglichen und analysiert werden kann und soll.

Man könnte sagen, dass Erasmus nicht so sehr „den Text festlegte“, sondern vielmehr die Art und Weise veränderte, wie man über den Text denkt. Er eröffnete einen Raum, in dem das Neue Testament aufhörte, ausschließlich Überlieferung der Tradition zu sein, und zum Gegenstand philologischer Arbeit wurde. In diesem Sinne ist sein Werk weder das Ende des Weges noch ein endgültiger Punkt. Es ist der Beginn eines Prozesses.

Und vielleicht sollte man es gerade so lesen: nicht als Norm, sondern als Etappe. Nicht als Beweis, sondern als Zeichen einer Epoche, in der die Suche nach den Quellen Vorrang vor der unreflektierten Wiederholung der Tradition gewann.

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