Dieses „Gesetz“ in der Theologie klingt harmlos. Mit dem sogenannten „Gesetz der Transposition“ werden Studierende in vielen theologischen Programmen bereits in der ersten Vorlesung vertraut gemacht. Es besagt, dass derselbe Inhalt auf unterschiedlichen Ebenen ausgedrückt werden kann: das Ereignis in der Erzählung, die Erzählung in der Doktrin, die Doktrin in einem metaphysischen System. Was historisch ist, wird in Begriffe übertragen; was symbolisch ist, in eine Definition geordnet. Transposition erscheint als ein natürlicher Reifungsprozess der Reflexion, ja sogar als notwendiger Mechanismus der Lehrentwicklung. Das Problem beginnt jedoch in dem Moment, in dem wir nicht mehr sehen, dass es sich um eine Übertragung handelt, und zu glauben beginnen, wir betrachteten die Wirklichkeit unmittelbar.
Die dunkle Seite der Transposition besteht in der Verwischung der Unterschiede zwischen den Ebenen. Die biblische Erzählung mit ihrer Spannung und Mehrdeutigkeit wird in einer Formel stabilisiert. Die Formel erhält normativen Status und beginnt, die Lektüre der Erzählung zu regulieren. Was ursprünglich die Beschreibung eines Ereignisses war, wird zur Illustration einer These. Die Abhängigkeitsrichtung kehrt sich um: Nicht mehr die Doktrin wächst aus dem Text, sondern der Text wird der Doktrin untergeordnet.
Noch subtiler ist die semantische Transposition. Ein Wort, das in einer bestimmten historischen Situation funktioniert, wird in ein begriffliches System übertragen. Es gewinnt an Präzision, verliert jedoch seinen Kontext. Wenn wir später zum Text zurückkehren, lesen wir ihn durch den Filter eines Systems, das selbst als dessen Verallgemeinerung entstanden ist. Dann beginnt das Modell, die Daten zu regulieren, statt von ihnen korrigiert zu werden.
Die EBBS-Perspektive verneint die Transposition als solche nicht. Jede Reflexion erfordert den Übergang von Daten zu einem Modell. EBBS wendet sich jedoch gegen die Situation, in der das Modell nicht mehr als Modell erkennbar ist.
Transposition ist methodologisch zulässig, sofern wir den Übergangspunkt benennen und die Kontinuität des Sinns nachweisen können.
Wenn wir dazu nicht in der Lage sind, sprechen wir nicht mehr von Übertragung, sondern von Neuinterpretation.
Es gibt jedoch Situationen, in denen der Impuls zur Transposition im Text selbst liegt. Wenn Jesus sagt: „Wie es in den Tagen Noahs war, so wird es bei der Ankunft des Menschensohnes sein“ (Mt 24,37; Lk 17,26), wird die Erzählung von Gen 6–9 als typologisches Muster verwendet. Nicht eine spätere Doktrin verleiht der Sintflut symbolische Bedeutung – der neutestamentliche Text selbst vollzieht die vergleichende Bewegung. In einem solchen Fall ist die Transposition in den Daten verankert. EBBS hat keinen Grund, sie abzulehnen, stellt jedoch weiterhin Kontrollfragen: Geht es um die gesamte Theologie der Sintflut oder nur um ein Element, etwa die Unvorhersehbarkeit des Gerichts? Handelt es sich um eine Bedeutungserweiterung oder um eine selektive Verwendung eines Motivs?
EBBS stellt nicht die Möglichkeit der Transposition an sich infrage, verlangt jedoch, dass sie auf der Grundlage von Daten nachgewiesen und nicht a priori vorausgesetzt wird; nicht als „Gesetz“, sondern als hermeneutische Hypothese, die Kontrolle und Revision unterliegt.
Der Unterschied ist grundlegend. Transposition steht nicht im Widerspruch zu EBBS, wenn sie aus dem Text hervorgeht und dokumentiert werden kann. Sie steht im Widerspruch, wenn sie als automatisches „Entwicklungsgesetz“ akzeptiert wird, unabhängig davon, ob der Text dafür eine Grundlage bietet. Das größte Risiko liegt nicht im Irrtum, sondern in der Transparenz – wenn die Kette der Operationen zwischen Erzählung und Doktrin aus dem Blickfeld verschwindet. Transposition kann eine Brücke zwischen Reflexionsebenen sein, sie kann aber auch zu einem Schleier werden. EBBS reißt keine Brücken ein; sie fordert lediglich, dass sie sichtbar bleiben.
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